„Kooperation ist gut, Konkurrenz fast noch wichtiger“

Über die gesellschaftliche Verantwortung der Pharmaindustrie in Zeiten von Covid-19

Virtuelle Round-Table-Diskussion mit den Teilnehmern (im Bild v. l. n. r.):

  • Prof. Dr. Christian W. Mandl, Virologe und Impfstoffexperte; 20 Jahre Univ.-Professor für Virologie an der MedUni Wien, danach Forschungsleiter bei Novartis Vaccines in Boston, aktuell in unterschiedlichen Funktionen im Biotech-Bereich tätig
  • Dr. Connie Gaisbauer, Aktienanalystin (Health Care), Raiffeisen KAG/Raiffeisen Bank International AG
  • Prof. Dr. Markus Scholz, Stiftungsprofessor für Corporate Governance & Business Ethics an der Fachhochschule Wien der Wirtschaftskammer
  • Dr. Erich Tauber, CEO und Mitbegründer von Themis Bioscience GmbH

Mag. (FH) Dieter Aigner
Geschäftsführer Raiffeisen KAG und Moderator der Diskussion

Mag. (FH) Dieter Aigner

Dieter Aigner: Die Pharmaindustrie steht derzeit unter immensem Druck, Medikamente und Impfstoffe für die Bekämpfung von Covid-19 zu entwickeln. Welche Daten sind hinsichtlich des Zeitpunktes, wann diese Therapien verfügbar sein werden, glaubwürdig? Könnten Sie uns dazu einen Einblick verschaffen?

Erich Tauber: Technisch gesehen, ist nach allem, was wir heute wissen, ein Impfstoff für Covid-19 leichter zu entwickeln als beispielsweise ein Impfstoff für HIV, Tuberkulose, Ebola, Malaria oder Dengue, da man schon sehr viele Erfahrungen mit dem Virus gesammelt hat. Vom aktuellen Stand der Wissenschaft kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass wir in der zweiten Jahreshälfte eine Reihe von Impfstoffkandidaten haben werden, die über eine gewisse klinische, sprich: eine an Menschen getestete Wirksamkeit und Sicherheit verfügen und die man auch in gewissen Mengen produzieren wird können.

 

Das klingt vielversprechend. Wie rasch werden die Behörden diese Impfstoffe zulassen?

Erich Tauber: Das ist eine Frage der Risikofreudigkeit. In der Vergangenheit haben die regulatorischen Behörden eine sehr konservative Haltung eingenommen, da es hier natürlich ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis gibt. Wenn man nun annimmt, dass die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken, bei 1:10 oder 1:100 liegt, dann ist das schon sehr hoch und wenn wirtschaftliche Ängste hinzukommen, werden die regulatorischen Behörden ein anderes Risikoprofil erlauben und die Zulassungsbehörden sehr kooperativ und schnell arbeiten. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es bereits Ende des Jahres zugelassene Impfstoffe geben wird. Die Frage ist allerdings, wie viel Material zur Verfügung steht und wer das bezahlen wird. Wenn man 500 Millionen Menschen impfen möchte und die Herstellung eines Produktes rund 10 Euro kostet, dann reden wir über richtig viel Geld. Es wird also sehr stark darauf ankommen, wie das finanziert wird. Daher: Es wird einen Impfstoff geben, aber es wird ihn nicht für alle geben. Und niemand weiß, wie er verteilt werden wird.

 

Wie kann man eine flächendeckende Verteilung gewährleisten?

Erich Tauber: Sehr viel von der derzeitigen Finanzierung findet über die Non-Profit-Organisation CEPI statt, mit der auch Themis kooperiert. CEPI macht Pandemieprävention, verfolgt darüber hinaus als klares Ziel die faire Verteilung des Impfstoffes. Das heißt, die Impfstoffe, die mit CEPI-Funding entwickelt werden, werden von einer globalen Körperschaft nach Bedarf verteilt. Wie das genau funktionieren wird, weiß derzeit noch niemand. Gleichzeitig bin ich über die nationalistischen Tendenzen, vor allem einiger großer Länder, erschüttert.

Dr. Erich Tauber

Dr. Erich Tauber
CEO und Mitbegründer von Themis Bioscience GmbH

Kollaborieren Pharmaunternehmen untereinander oder arbeitet jedes Unternehmen für sich, um so möglichst schnell einen Impfstoff zu entwickeln und damit den größten Profit zu erzielen?

Christian Mandl: Von der Handvoll ernstzunehmender Entwicklungsprojekte, die an neuen Medikamenten und Impfstoffen forschen, verfolgt natürlich jedes einzelne seine eigene Technologie und seine Plattform. Das ist auch das Sinnvollste, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass wir am Schluss ein wirksames Produkt bekommen. Denn ansonsten wäre das Risiko zu hoch. Gleichzeitig sehe ich zumindest bei „Big Pharma“ den sehr ungewöhnlichen Schritt, dass sich Pharmaunternehmen zusammentun. So haben Sanofi und GSK ihre beiden Plattformen zusammengeführt: Sanofi produziert einen proteinbasierten Impfstoff auf der Basis einer Technologie, die es bei Influenza einsetzt. GSK steuert ein Adjuvans bei, also einen Immunverstärker, bei dem dieses Unternehmen wiederum führend ist. Hier wird nun daran gearbeitet, diese Komponenten zu einem wirksamen Impfstoff zu kombinieren. Ich denke, Kooperation ist gut, aber Konkurrenz ist fast noch wichtiger. Denn ohne die Konkurrenz wäre wahrscheinlich der Druck, schnell und effizient zu arbeiten, nicht so hoch, wie wir ihn brauchen.

 

Welche Rolle spielen Mutationen für die Entwicklung von Therapien?

Christian Mandl: Coronaviren verfolgen nicht die Strategie, dem Immunsystem durch häufige Mutationen zu entkommen, sie lösen vielmehr eine Immunabwehr aus, die meist keinen dauerhaften Schutz bietet. Das heißt, man kann sich immer wieder infizieren. Wie lange der Schutz hält, wissen wir nicht. Dass man innerhalb von Wochen oder Monaten ein zweites Mal infiziert wird und eine schwere Krankheit bekommt, schließe ich persönlich aus, denn mir ist kein Virus bekannt, bei dem das so ist. Aber ob uns die Immunantwort vor der Infektion zwei Jahre, fünf Jahre oder zehn Jahre schützen wird, das wissen wir natürlich nicht. Und entsprechend wissen wir auch nicht, wie lange ein Schutz nach Impfung anhalten wird. Dass wir permanent neue Impfstoffe für dieses Virus entwickeln müssen, das glaube ich nicht, aber dass alle paar Jahre eine Auffrischungsimpfung nötig sein wird, halte ich für wahrscheinlich.

Prof. Dr. Christian W. Mandl
Virologe und Impfstoffexperte; 20 Jahre Univ.-Professor für Virologie an der MedUni Wien, danach Forschungsleiter bei Novartis Vaccines in Boston, aktuell in unterschiedlichen Funktionen im Biotech-Bereich tätig

Prof. Dr. Christian W. Mandl.

Neben den medizinischen Anforderungen wirft Covid-19 auch eine Reihe anderer, sozialer und ethischer Fragestellungen auf. Welche sind das?

Markus Scholz: Das ist beispielsweise die Frage, warum global – trotz aller Warnungen von Medizinern und Immunologen vor einer bevorstehenden Pandemie – für diesen Fall nicht besser vorgesorgt wurde. In Österreich und in Deutschland sind die Krankenhäuser für eine Pandemie anscheinend einigermaßen gerüstet und halten immerhin ausreichende Intensivkapazitäten vor. Aber wenn wir andere Länder anschauen, insbesondere die USA und Großbritannien, sehen wir, dass dort entsprechende Kapazitäten – insbesondere Intensivkapazitäten in Krankenhäusern, aber auch Forschungseinrichtungen, Testlabore – in den letzten Jahren sukzessive abgebaut worden sind. Weitere Fragen betreffen die Verfügbarkeit von Schutzausrüstungen und Medikamenten in einigen Staaten oder sogar auf ganzen Kontinenten. In den vergangenen Jahren wurden Produktionskapazitäten sukzessive ins nichteuropäische Ausland verlegt. Jetzt, mit dem teilweisen Zusammenbruch der globalen Logistikketten, sehen wir die problematischen Konsequenzen dieser Politik. Auch das ist etwas, was wir überdenken müssen. Und ein drittes Thema sind die multilateralen und Multi-Stakeholder-Organisationen, die wir aufgebaut oder eben verfehlt haben aufzubauen und die mit so einem Thema umgehen können. Die WHO scheint mir jetzt zwar schlagkräftiger zu sein als noch vor fünf Jahren, doch auch hier gibt es einige Probleme.

 

Sind die Maßnahmen der Regierungen angemessen?

Markus Scholz: Die Covid-19-Pandemie ist für jede Regierung Neuland und dementsprechend existieren auch keine etablierten und getesteten Maßnahmenpakete für eine solche Situation. Die politischen Entscheidungsträger befinden sich dauernd in Abwägungsprozessen. Auf der einen Seite: Wie schützen wir die Bürger eines Landes oder eines supranationalen Geflechts wie der EU vor Infektionen? Und auf der anderen Seite: Wie wiegen wir den Shutdown mit den ökonomischen Konsequenzen und den sozialen Implikationen ab? Natürlich ist ein Shutdown in ökonomischer Hinsicht desaströs. Und denken Sie auch daran, was passiert, wenn Menschen nicht mehr arbeiten, zuhause sind, Depressionen bekommen und möglicherweise häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Denken Sie an ungerechte Chancen, beispielsweise für Mütter, die zuhause bleiben, wenn ihre männlichen Partner – und so ist es statistisch nun einmal – immer noch mehr im Beruf verdienen.

Grundsätzlich finde ich die Radikalität der Maßnahmen aber richtig. Hier kommt mir der Philosoph Hans Jonas mit seinem Prinzip der Verantwortung in den Sinn: Wenn ich weiß, dass ich ein Hochrisikoprojekt vor mir habe, dann muss ich auch mit den schlimmstmöglichen Konsequenzen rechnen und alle Maßnahmen treffen, um die schlimmstmöglichen Konsequenzen zu verhindern. Und das scheinen die meisten Regierungen weltweit im Moment doch zu tun.

Prof. Dr. Markus Scholz

Prof. Dr. Markus Scholz
Stiftungsprofessor für Corporate Governance & Business Ethics an der Fachhochschule Wien der Wirtschaftskammer

Der Druck auf die Pharmaindustrie, Wirkstoffe zu finden, vergrößert sich aufgrund sozialer und wirtschaftlicher Kollateralschäden zusätzlich. Entwickelt sich die Pharmaindustrie gerade zum Retter der Welt? Kann das nachhaltig sein?

Connie Gaisbauer: Wenn die Entwicklung – wie sie sich derzeit gerade abzeichnet – tatsächlich dahin geht, dass Pharmaunternehmen Medikamente zum Selbstkostenpreis abgeben, ist das zumindest schon sehr beeindruckend. Doch meiner Meinung nach spielen hier auch andere Aspekte mit: Zum einen hat so mancher Pharmakonzern einen gewissen Bedarf, sein Image zu verbessern. Zum anderen werden wir auch wirklich viele Produzenten benötigen. Denn wir brauchen vielleicht keine acht Milliarden Dosen, aber möglicherweise wird es trotzdem in die Milliarden gehen. Für die Pharmaunternehmen sind Impfstoffe nicht immer schnelle Gewinntreiber. Ob das am Ende dann tatsächlich so selbstlos sein wird, bleibt abzuwarten. Denn wie hier schon erwähnt wurde, könnten weitere Impfungen anstehen, und ob diese dann auch noch so günstig sein werden, wird sich herausstellen. Die Pharmaindustrie hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer wieder gezeigt, dass sie sehr gut darin ist, ihre Preise anzuheben. Ein branchenbestimmendes Thema in den letzten Jahren war jedenfalls das Drug Pricing in den USA. Das ist zuletzt komplett in den Hintergrund getreten. Gut möglich, dass diese Entwicklung vielleicht nicht einzelnen Unternehmen, aber doch der Branche nützen wird.

Erich Tauber: Das kann aber auch auf einem einfachen Deal basieren: Eine Firma, die beispielsweise ein Hepatitis-C-Medikament für 100.000 Euro pro Zyklus verkaufen möchte und dabei seit Jahren unter Druck steht, bietet nun in der Krise einen billigen Impfstoff an und kann beim anderen Medikament den hohen Preis beibehalten …

 

Oft wird der Pharmaindustrie – speziell was das Impfen angeht – Angstmache unterstellt.

Christian Mandl: Impfen ist von allen medizinischen Maßnahmen, die die Menschheit erfunden hat, jene, die die meisten Leben gerettet hat. Impfstoffe sind auch die nachhaltigsten Medikamente, die es gibt. Dazu gibt es viele Studien, die nachweisen, dass die Reduktion von Krankheiten durch Impfungen einen unglaublichen Anteil an der Überwindung von Armut hat und zur Wirtschaftsentwicklung eines Landes beiträgt. Oder anders gesagt: In Gesellschaften, wo viele Menschen unter Infektionskrankheiten – beispielsweise Malaria – leiden, können Menschen der Armut deshalb nicht entrinnen, weil sie arbeitsunfähig sind. Dazu gibt es noch mehr Leute, die sich um diese arbeitsunfähigen Menschen kümmern müssen, weil es kein Sozialsystem gibt. Auch diese Personen stehen dem Wirtschaftsprozess nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung und sind chancenlos, der Armutsfalle zu entkommen. Man kann also insgesamt davon ausgehen, dass Impfungen nicht nur in Pandemiezeiten, sondern generell einen unglaublich positiven Einfluss auf Gesellschaften haben. Und deshalb sollte man Unternehmen, die Impfstoffe herstellen, auch zugestehen, dass sie damit Gewinne machen. Denn das tun wir ja auch bei anderen Dingen, die nachgefragt werden. Ich wehre mich in diesem Zusammenhang gegen den Begriff der „Geschäftemacherei“. Denn wenn man etwas Gutes herstellt, darf man damit auch Geld verdienen. Dass davon unabhängig durch Kritik auch sichergestellt werden muss, dass Menschen und Länder, die sich das nicht leisten können, trotzdem Zugang zu Impfstoffen bekommen, ist unbestritten. Aber das ist die Aufgabe der Politik. Regierungen sind oft bereit, für Waffen ein Hundertfaches auszugeben, um sich vor militärischen Bedrohungen zu schützen, für Pandemie-Vorbereitungen werden aber relativ geringe Beträge ausgegeben. Daher glaube ich, dass es gut ist, wenn damit Geld verdient wird, denn das treibt die Innovation.

Markus Scholz: Ich würde hier gern die Verantwortung der Pharmaunternehmen betonen, auch in Hinsicht auf das Nachhaltigkeitsthema. Nachhaltigkeit impliziert neben der ökologischen und der ökonomischen auch eine gesellschaftliche Komponente. In diesem Fall steht die letzte stark im Vordergrund. Es sind vor allem Pharmaunternehmen, die über die wissenschaftlichen und technologischen Möglichkeiten verfügen, Medikamente und hoffentlich bald Impfstoffe gegen das Coronavirus herzustellen. Daraus resultiert eine besondere Verantwortung – aus einer gesellschaftlichen Nachhaltigkeitsperspektive müssen wir jetzt genau beobachten, wie die Pharmaindustrie mit dieser Verantwortung umgeht, und zwar insbesondere im Hinblick auf die Bepreisung und die Verteilung möglicher Impfstoffe. Nachdem – wahrscheinlich von einem Pharmaunternehmen – ein Impfstoff entwickelt worden ist, entsteht eine riesige Nachfrage, und da die Produktionskapazitäten des jeweiligen Unternehmens beschränkt sind auch eine unmittelbare Knappheit. Wer bekommt also diesen Impfstoff zuerst? Hier nach dem Bestbieterprinzip vorzugehen halte ich für unmoralisch. Es kann nicht sein, dass beispielsweise einige finanzkräftige Staaten oder bestimmte Personengruppen die verfügbaren Impfstoffe aufkaufen, während andere, weniger privilegierte Länder oder Personen aber zunächst leer ausgehen. Natürlich bedarf es zur Lösung dieses Problems einer globalen politischen Lösung. Wenn diese aber nicht in Sicht ist, sehe ich die global agierenden Pharmaunternehmen auch in der Verantwortung zu sagen: Na gut, wenn die Politik sich nicht einigen kann, dann übernehmen wir hier eine Führungsrolle und diskutieren gemeinsam mit anderen Stakeholdern, etwa mit der WHO und Ärzte ohne Grenzen, wer Impfstoffe unabhängig von finanziellen Ressourcen bekommen soll.

Dr. Connie Gaisbauer
Aktienanalystin (Health Care), Raiffeisen KAG/Raiffeisen Bank International AG

Dr. Connie Gaisbauer

Worauf achtet man bei der Aktienanalyse von Pharmaunternehmen, wenn es um Nachhaltigkeit geht?

Connie Gaisbauer: Für mich sind alle drei Themengebiete, also E, S und G* relevant. Wobei das E hier im Gegensatz zu anderen Branchen nicht im Vordergrund steht. Natürlich ist es wichtig, dass die Firmen einen Plan haben, wie der CO2-Ausstoß gesenkt wird. Aber eine größere Rolle spielen das S und das G. Beim S sind es neben den klassischen Kriterien wie Weiterbildung, Generation Management und Fluktuation zum einen der Access to medicine – allen Menschen auf der Welt Zugang zu medizinischer Versorgung geben – und zum anderen die Produktsicherheit. Es ist ganz entscheidend, dass die Produktion der Wirkstoffe fehlerfrei ist und die Präparate auch in ausreichender Menge zur Verfügung gestellt werden können. Beim G sind es vor allem die Themen Korruption und Preisabsprachen, die wir uns in der Pharmabranche ansehen. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. In den Sustainable Development Goals bildet das Ziel Nummer 3 die Gesundheit ab. Hier stellen die Impfstoffe einen Schwerpunkt dar.

 

Welche Erwartungen, Wünsche gibt es Ihrerseits an das vielstrapazierte „Neue Normal“? Wo werden wir in zwei Jahren stehen?

Erich Tauber: Ich wünsche mir weniger Nationalismus, sondern globales Denken und größeren Respekt der Menschen untereinander. Vor 15 Jahren hat man, als in Zusammenhang mit der Schweine- und Vogelgrippe Masken ausgeteilt wurden, die Menschen verspottet. Doch Maske zu tragen ist in Wirklichkeit ein Ausdruck des Respekts. Es zeigt, dass man auf seine Mitmenschen achtet. Darüber hinaus hoffe ich, dass es eine größere Akzeptanz fürs Impfen geben wird. Auch sich impfen zu lassen, ist ein Zeichen des Respekts seinen Mitmenschen gegenüber.

Christian Mandl: Die Lage wird sich sehr entspannt haben. Es wird Medikamente und Impfstoffe geben, eine gewisse Durchseuchung in der Bevölkerung wird eingetreten sein und wirtschaftlich werden wir uns hoffentlich auch wieder stark in einem Aufwärtstrend befinden. Ich hoffe, dass ein bleibender Gesinnungswandel gegenüber den Gefahren von Infektionskrankheiten eingetreten ist, und daher auch von Unternehmen und der Politik eine Bereitschaft da ist, in entsprechende Schutzmaßnahmen zu investieren. Ich hoffe, dass das Geschwätz der Impfgegner leiser geworden ist oder zumindest nicht mehr so viel gehört wird. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass auch heute noch dauernd Menschen sterben, die gerettet werden könnten durch bereits entwickelte Impfstoffe und die einfach nicht gerettet werden, weil einerseits die finanziellen oder die organisatorischen Mittel in den Ländern fehlen und es andererseits aber auch starke Kräfte gibt, die gegen Impfungen agieren und das größtenteils auf Basis irrationaler Argumente.

Connie Gaisbauer: Werte wie Zusammenarbeit und Vertrauen werden von größerer Bedeutung sein. Die Zusammenarbeit wird hoffentlich leichter werden. Ich bezweifle, dass wir in zwei Jahren schon eine Herdenimmunität haben werden, aber ich denke, dass die Rahmenbedingungen deutlich besser sein werden und sich unser Zusammenleben wieder deutlich einfacher gestalten wird. Auch die Wirtschaft sollte sich bis dahin wieder weitgehend erholt haben.

Markus Scholz: Als Wirtschaftsethiker würde ich mich freuen, wenn wir in den kommenden Jahren Pharmamanager sehen, die sich nicht verführen lassen und die entwickelten Impfstoffe im übertragenen Sinne vergolden. Ich hoffe, dass die Pharmaindustrie verstanden hat, dass sie vor dem Hintergrund nicht gut funktionierender globaler Governance-Systeme, die beispielsweise die Bepreisung und die Vergabe von Impfstoffen regeln, eine besondere Verantwortung trägt. Bei allem Verständnis für die anfallenden Entwicklungskosten von Impfstoffen und dem berechtigten Anspruch, Gewinne zu erzielen, darf die Vergabe nicht ausschließlich nach marktwirtschaftlichen Bestbieterprinzipien erfolgen. Unternehmen müssen verstehen, dass unsere derzeitigen Megathemen, die Bekämpfung von Pandemien und des Klimawandels sowie die Auswirkungen der Digitalisierung, global nur unzureichend politisch adressiert werden. Vor dem Hintergrund dieses teilweisen globalen Politikversagens tragen Unternehmen eine Mitverantwortung bei der Lösung dieser Probleme. Dafür braucht es eine schlagkräftige Organisation und kollektive Aktionen – Unternehmen können und sollen in diesen Organisationen und Aktionen mitarbeiten.

* ESG steht für Environment, Social und Governance – Nachhaltigkeitskriterien zu Umwelt, Soziales & Unternehmensführung.

Fotos: Themis, FHWien, Raiffeisen KAG