Österreich besitzt einen Schatz

Interview mit Univ.-Prof. DI Dr. Stefan Schmutz

Die Wasserqualität in Österreich gilt als hervorragend. Diese sagt jedoch nicht alles über den Zustand eines Gewässers aus. Als Hydrobiologe sind Sie sehr nah an der Materie: Wie ist es tatsächlich um die Güte der österreichischen Gewässer bestellt?

Inzwischen ist die Qualität der meisten österreichischen Gewässer sehr gut. Doch das war nicht immer so. In der Vergangenheit gab es große Probleme. Ich erinnere mich noch an Schaumkronen an der Oberfläche mancher Flüsse, wo Industrieunternehmen einfach ihre Produktionsabwässer entsorgt haben. Das war in den 1980er Jahren. Seitdem hat sich das Bild stark geändert. Die Betriebe haben ihre Produktionen auf geschlossene Systeme umgestellt. 98 % aller Unternehmen und Haushalte in Österreich sind an öffentliche Kläranlagen angeschlossen. Dafür hat die öffentliche Hand, aber auch die Industrie selbst, enorme Summen – zwischen 30 und 40 Milliarden Euro – in die Hand genommen. Das ist viel Geld, aber es herrscht Konsens darüber, dass dieses Geld gut investiert wurde und ist. Saubere Flüsse und Seen gelten mittlerweile als selbstverständlich. Es besteht sogar schon die Gefahr der – wie wir es nennen – „Inflation in Gewässer“. Das heißt, die Politik nimmt das Erreichte als selbstverständlich an und investiert zu wenig für den Erhalt oder die weitere Verbesserung der Gewässersysteme.

Univ.-Prof. DI Dr. Stefan Schmutz
Professor für „Aquatische Systemanalyse“ und Begründer des Studiums der Limnologie – der Wissenschaft von Binnengewässern als Ökosysteme – an der Universität für Bodenkultur in Wien

Was macht ein funktionierendes aquatisches System aus? Was gehört zu einem intakten Gewässer?

Jedes Gewässer ist für sich betrachtet ein individuell funktionierendes System. Bestandteil dieses Systems sind neben dem Wasser die Bettsedimente, in denen viele Tiere und andere Organismen ihren Lebensraum haben. Die Fische bewegen sich vorwiegend in der sogenannten „fließenden Welle“. Aber auch die Hydromorphologie, also das Abflussverhalten und die Gestalt des Gewässers, spielt eine wichtige Rolle. Hinzu kommt das Umland: Auen, landwirtschaftliche Nutzflächen oder Siedlungsgebiete beeinflussen den ökologischen Zustand der Gewässer positiv oder negativ, wenn es beispielsweise zu Überschwemmungen kommt. Eingriffe durch den Menschen, etwa in Zusammenhang mit Trockenlegungen, Kraftwerken oder Hochwasserverbauungen spielen in jedem Fall eine gravierende Rolle und bringen die Gewässer in der Regel aus ihrem Gleichgewicht.

Welche Probleme ergeben sich – beispielsweise bei Wasserkraftwerken – für die Gewässer?

Österreich hat mit rund 5.000 Anlagen weltweit die höchste Dichte an Wasserkraftwerken und deckt damit an die 60 % seines Strombedarfs ab. Die Gewinnung von Energie unter der Nutzung von Wasserströmen und -gefällen hat hierzulande eine lange Tradition und auch in der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz. Wasserkraft ist CO2-neutral, allerdings nicht umweltneutral. Denn Wasserkraftwerke stellen mit ihren Staustufen bei Fischwanderungen zum Teil unüberwindliche Hindernisse dar und gefährden so mitunter den Bestand einzelner Fischarten. Hinzu kommt, dass die Schwallwelle, die beim Anfahren der Turbinen eines Kraftwerks entsteht, eine Katastrophe für die Organismen der dahinter liegenden Gewässer ist. Denn für diese gibt es – zum Beispiel bei schönstem Sonnenschein – keinerlei natürlichen Hinweise darauf, dass sie jetzt Schutz suchen sollten.

Gibt es Kooperationen mit den Energieversorgern?

Ja, die Universität für Bodenkultur arbeitet inzwischen sehr eng mit der Energiewirtschaft zusammen. Es gibt bereits viele gute Ansätze und auch gemeinsame Projekte. So finanzierten beispielsweise Energieversorger ein Projekt, bei dem Schwallwellen simuliert wurden. Dadurch lässt sich herausfinden, ob eine Reduktion dieser Wellen für den Erhalt, beziehungsweise die Wiederherstellung einer natürlichen Gewässerökologie, etwas bringt. Was der Fall ist. Diese Erkenntnisse wollen wir nun natürlich auch schrittweise bei den betroffenen Wasserkraftwerken berücksichtigt sehen.

Österreich besitzt mit seinem Know-how bei Wasserkraftwerken einen echten Schatz, sowohl auf ökonomisch-technischer Seite, als auch auf ökologischer Seite. Es wäre leicht, weltweit die Marktführerschaft zu übernehmen.

Könnten sich noch andere Branchen positiv einbringen?

Ja, beispielsweise Turbinenhersteller. Es wäre recht einfach, fischfreundliche Turbinen bei Wasserkraftwerken einzusetzen, aber seitens der produzierenden Industrie passiert hier leider wenig Entwicklungsarbeit. Dabei könnten Unternehmen, die sich in diesem Umfeld engagieren, auch international reüssieren, das zeigt sich bei unseren Projekten deutlich.

Apropos, international reüssieren: die Universität für Bodenkultur kooperiert auch mit Instituten anderer Länder und exportiert ihr Know-how weltweit. Welches Wissen kann Österreich global exportieren?

Das Produkt „Technologie der nachhaltigen Wasserkraft“ könnte man auf der ganzen Welt anbieten und auch die Techniken einzelner Unternehmen dabei mitnehmen. Allein in den Ländern am Balkan werden in den nächsten Jahren hunderte Wasserkraftwerke geplant und gebaut. Es wäre absolut wünschenswert, wenn diese Kraftwerke von Anfang an nachhaltig gebaut würden. In Österreich gäbe es das Wissen dazu, man müsste sich nur politisch mehr zu dem Thema kommittieren und Engagement zeigen.

Wenn Sie eine politische Maßnahme in Zusammenhang mit den Gewässern Österreichs durchsetzen könnten, welche wäre das?

Leider spielt Ökologie in der Politik keine Rolle. Die von der Europäischen Union vorgegebene Wasserrahmenrichtlinie, die den rechtlichen Rahmen für die Wasser-Politik der Europäischen Union vorgibt, ist in Österreich noch weit von einer vollständigen Umsetzung entfernt. Dabei geht es nicht um hohe Beträge. Es wären jährlich nur rund 20 Millionen Euro notwendig, um entsprechende Investitionen anzustoßen. Aber im Moment liegen Null Euro in diesem Topf. Das muss sich ändern!

Was kann man als einzelner Mensch zur Verbesserung der österreichischen Gewässer beitragen?

Sehr viel. Wichtig ist, sich zu informieren. Man kann Denkanstöße geben und Prozesse in Gang setzen. Bürgerrechte auf Gemeindeebene wahrnehmen, wenn es beispielsweise um Bauprojekte in Hochwasserschutzzonen geht, Gewässersanierungen im unmittelbaren Umfeld anstoßen. Der einzelne Mensch ist in diesem Prozess von entscheidender Bedeutung.