PRI in Person

Die Initiative PRI (Principles for Responsible Investments) als weltweit führender Protagonist für verantwortungsvolles Investieren stützt sich mittlerweile auf rund 2.600 Unterzeichner aus allen Kontinenten. Diese Asset Owner, Manager und Service Provider verwalten inzwischen knapp 100.000 Milliarden Dollar, ein nicht zu verachtendes finanzielles Potenzial, wenn es etwa um die Finanzierung von Maßnahmen zur Klimakrise oder zur Bewältigung sozialer Herausforderungen geht.

Raiffeisen Capital Management (bzw. die Raiffeisen Kapitalanlage GmbH) ist seit 2013 Unterzeichner und ein durchaus aktives Mitglied in dieser Vereinigung.

Bei PRI in Person versammelten sich heuer in Paris 1.800 Investment Professionals aus 50 Nationen, darunter 190 Sprecher und Diskussionsteilnehmer.

PRI IN PERSON 2019: PARIS

Heuer fand PRI in Person in jener Stadt statt, in der vor mittlerweile vier Jahren Geschichte geschrieben wurde, nämlich beim Paris-Abkommen 2015 zur anstehenden Klimakrise. Zufall oder nicht – jedenfalls wurde das Konferenzprogramm mit voller Unterstützung des Gastlandes Frankreich eröffnet. Eine Grußbotschaft von Präsident Emmanuel Macron betonte die Dringlichkeit von Investorenmaßnahmen zum Schutz des Klimas und forderte insbesondere einen verstärkten Schutz des Amazonas-Regenwaldes. Es folgte eine Grundsatzrede von Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire, der leidenschaftlich über die Notwendigkeit einer dringenden Transformation im Finanzsystem sprach und auch den Maßnahmenkatalog dazu skizzierte.

Die Hauptredner am zweiten Tag konzentrierten sich auf die Reaktionen der Investoren auf die Klimakrise, von Studenten bis zu Unternehmensführern, wie z. B. der CEO von Royal Dutch Shell, Ben van Beurden, der die ehrgeizigen Netto-Null-Emissionsziele des Energieriesen skizzierte.

Das Konferenzprogramm endete mit einem Thema, das zeigt, wie relevant Nachhaltigkeit auch außerhalb der aktuellen Klimakrise sein muss: moderne Sklaverei und Menschenhandel. Zum Nachdenken anregend waren die Zeugnisse von zwei „Überlebenden“, also der modernen Sklaverei Entkommenen. Es gibt aktuell ca. 40 Millionen Personen, die unter Menschenhandel und Sklaverei leiden. Der Finanzsektor kann eine wesentliche Rolle bei der Bekämpfung dieses ungeheuren sozialen Problems übernehmen, fließen doch die Erträge aus diesem „Geschäftszweig“ – oft unerkannt – durch das Finanzsystem.

Zusätzlich zu diesen hochkarätigen Plenarsitzungen gab es im Rahmen der Konferenz auch eine Vielzahl von Breakout-Sitzungen, die sich mit einem breiten Spektrum von ESG-Themen befassten. Für Raiffeisen Capital Management waren z. B. Carbon Pricing, ESG-Integration in Emerging Markets oder auch Staatsanleihen und SDGs besonders interessant.

Zuletzt ein kritischer Blick darauf, ob ein solches Großevent bezüglich seines Ressourcenverbrauchs noch zeitgemäß ist. Solche Vernetzungs- und Informationsveranstaltungen sind einfach nicht durch digitale Kommunikation ersetzbar. Zumindest derzeit noch nicht. Und gerade auch hier galten die drei Prinzipien: VERMEIDEN, also kein Fleisch in den Buffets, keine Plastikbecher, -teller, -bestecke. REDUZIEREN, ein Blick hinter die Kulissen zeigte, wie vergleichsweise wenig Müll angefallen ist. Und letztlich KOMPENSIEREN, so erfolgte z. B. vom Veranstalter eine CO2-Kompensation der jeweiligen Anreise der Teilnehmer.

 

REDE VON PAUL POLMAN

Am 14. September 2018 hielt Paul Polman eine bemerkenswerte Rede bei PRI in Person 2018 in San Francisco. Die Rede wurde gekürzt und ins Deutsche übersetzt.

Paul Polman war ein Jahrzehnt Vorstandsvorsitzender (CEO) des britisch-niederländischen Konsumgüterkonzerns Unilever. Unter seiner Führung entwickelte Unilever eine Vision, um sein Wachstum vom gesamten ökologischen Fußabdruck zu entkoppeln und positive soziale Auswirkungen zu erhöhen.

Paul Polman ist unter anderem Vorsitzender der International Chamber of Commerce (ICC) und stellvertretender Vorsitzender des UN Global Compact. Er war und ist aktiv in zahlreichen globalen Initiativen, die sich Nachhaltigkeit, Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit verschrieben haben, und er ist Träger hoher internationaler Auszeichnungen.

Rede von Paul Polman, PRI IN PERSON 2018: Die größte unternehmerische Herausforderung – die Agenda für nachhaltige Entwicklungen

WIR SIND REICH AN WORTEN, ABER ARM AN TATEN: DREI HERAUSFORDERUNGEN

In meiner Freizeit bin ich zufällig der CEO von Unilever. Und in meinem Vollzeitjob versuche ich, eine etwas andere Form des Kapitalismus zu entwickeln, von der wir alle profitieren können, jetzt und für die kommenden Generationen.

Es ist einer der Kritikpunkte an vielen Organisationen, einschließlich der PRI, dass es einfach ist, Proklamationen zu unterzeichnen. Doch wir sind reich an Worten, aber arm in Taten. Und das ist durchsichtig, denn viele Menschen äußern sich zu Themen wie Klimawandel oder Menschenrechtsstandards, leben es dann aber nicht mehr.

Wir haben uns entschieden, die Weltwirtschaft zu dekarbonisieren, und das wird sicherlich nicht so einfach. Es wird Widerstand geben, es gibt ein persönliches Interesse, das wir hintanstellen müssen. Und je näher man zu dem Wendepunkt kommt, desto heftiger werden diese Reaktionen werden. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass intelligente Unternehmen diesen Weg gehen und ihn verstehen. Und diejenigen, die es nicht tun, werden sehr schnell zurückbleiben.

Es ist heutzutage nicht einfach, ein Investor zu sein. Es ist nicht einfach, ein Unternehmen zu führen, aus vielen Gründen, teils von uns selbst geschaffenen, teils im Glauben an die Vergangenheit. Wir sehen, dass viele dieser Faktoren nun gleichzeitig zusammenkommen, das ist es ja gerade!

Wir müssen die Weltwirtschaft dekarbonisieren, wenn wir jetzt und für die kommenden Generationen erfolgreich sein wollen. Noch nie waren wir so gut gerüstet mit Instrumenten, um etwas dagegen zu unternehmen. Das Schlüsselelement, das fehlt, ist die Willenskraft. Herausforderung Nummer eins ist somit die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft.

Herausforderung Nummer zwei: Übergang von einer linearen Konsumwirtschaft zu einer Kreislaufwirtschaft. Wir verbrauchen weitaus mehr Ressourcen, als die Welt produziert. Und das geschieht eigentlich durch einen sehr kleinen Teil der Weltbevölkerung.

Und drittens brauchen wir längerfristig planende Finanzmärkte. Wir können die Probleme des Klimawandels, der Armut, der Ernährungssicherheit, der Gleichstellung der Geschlechter, des Schutzes unserer Wälder und Ozeane nicht lösen, wenn es um den Wettlauf der Quartalsberichte und die kurzsichtige Konzentration auf den Aktionär allein geht.

 

HERAUSFORDERUNGEN WERDEN IMMER GLOBALER

Wir müssen ein Wirtschaftssystem schaffen, das umfassender ist. Wir leben in einer Welt, in der acht Menschen – ich wiederhole: acht! – über das gleiche Nettovermögen verfügen wie die unteren 3,5 Milliarden Menschen.

Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft, langfristiges, glaubwürdigeres Wachstum. Normalerweise haben wir verstanden, wie man das macht. Wir wählen Regierungen auf demokratische Weise, und diese werden Rahmenbedingungen schaffen. Das hat sehr lange Zeit funktioniert, aber leider befinden wir uns in einer Zeit, in der die Global Governance in Unordnung ist. Dazu werden die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, wie der Klimawandel, die Koordinierung der Finanzmärkte, die Cybersicherheit, immer globaler.

Es fehlt an Governance. Und hier meine ich, es ist in Ordnung, kritisch und skeptisch zu sein, man kann unsere Politiker ablehnen. Aber wir haben ein System, an dem wir arbeiten müssen, zu unserem Wohl und zum Wohl künftiger Generationen. Also müssen wir als Unternehmen, sei es im Finanzsektor oder in der Konsumgüterindustrie, die ich vertrete, oder sonst jemand dazu beitragen, diesen politischen Prozess risikoärmer zu gestalten. Und offen gesagt, es ist sehr vernünftig, das zu tun.

Es gibt keinen wirtschaftlichen Grund für anhaltende Armut. Ich glaube auch nicht, dass Unternehmen teilnahmslose Zuseher sein können. Wir müssen aktive Teilnehmer sein, um sicherzustellen, dass dies eine Welt ist, in der wir längerfristig leben können.

 

EIN FAHRPLAN, DIE WELT ZU GESTALTEN

Im September 2015 unterzeichneten – so bisher nie dagewesen – alle 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen das Abkommen „Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG)“, einen Plan für Frieden, Wohlstand, Schutz des Planeten, aber vor allem einen Plan für unsere Gesellschaft: ein einfaches Ziel, niemanden zurückzulassen, ein einfaches Ziel, die Armut unwiderruflich und auf eine nachhaltigere und gerechtere Weise zu beseitigen! Und es stellt sich heraus, dass die Ziele für nachhaltige Entwicklung in Ermangelung einer globalen Governance eigentlich ein perfekter Fahrplan für die Art und Weise sind, wie wir die Welt gestalten könnten. Zum Klimawandel, dem Ziel 13 – Klimaschutz – haben wir übrigens ein wunderbares Abkommen in Paris verabschiedet.

Bei der gegebenen Komplexität der politischen Prozesse brauchen wir nun Unternehmen, die sich engagieren und sagen, wir tun es! In Paris waren damals mehr Unternehmen als Regierungsorganisationen anwesend: 1.600 CEOs, die erklärten, wir können diese globale Wirtschaft dekarbonisieren, wir müssen diese globale Wirtschaft dekarbonisieren. Und in der Tat ist es eigentlich die größte unternehmerische Chance, die wir in diesem Jahrhundert haben.

Ein gutes Beispiel wäre die Festsetzung eines Preises für Naturkapital und hoffentlich auch die Festsetzung eines Preises für Sozialkapital. Ich habe immer gesagt, dass letztendlich die Finanzbuchhalter diese Welt verändern werden. Es ist nichts falsch am Kapitalismus, nur dass wir ihn etwas zu eng definiert haben, nämlich als die Maximierung der Rendite des Finanzkapitals. Darin sind wir Meister, aber es hat uns auch zu der Welt geführt, in der wir derzeit leben.

Denken wir darüber nach: Wenn wir nicht nur dafür verantwortlich wären, die Rendite des Finanzkapitals zu maximieren, sondern auch die Rendite des Sozial- und Umweltkapitals, wären wir die Besten, die dies tun könnten. Ein Preis für Kohlendioxid wäre ein gutes Beispiel dafür.

Wenn darüber geklagt wird, dass die Millennials nicht mehr für globale Unternehmen arbeiten wollen, dann wird nicht verstanden, was tatsächlich passiert: Sie wollen nicht mehr für Unternehmen arbeiten, die keinen Zweck haben. Auch ich würde nicht für diese Unternehmen arbeiten wollen. Und wann immer ein Unternehmen etwas falsch versteht, kann man sehen, wie schnell es seine Marktkapitalisierung verliert.

 

GROßZÜGIGKEIT IST BESSER ALS GIER

Die besprochene Agenda für nachhaltige Entwicklung, die darauf abzielt, die Armut auf eine nachhaltigere und gerechtere Weise unwiderruflich zu beseitigen, benötigt eine Investition von etwa 3.000 bis 5.000 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das sind etwa 3 % bis 5 % der Weltwirtschaft, das ist der Preis für eine Agenda der Humanität.

Wir sind an dem Punkt, an dem dies wahrscheinlich die beste Rentabilität ist, die Sie finden können. Helfen Sie uns, den Dialog zu ändern, und fragen Sie die Unternehmen, warum es gut ist, Menschen in der Wertschöpfungskette nicht gut zu behandeln. Warum ist es gut, Kinderarbeit oder Sklavenarbeit zu haben? Warum ist es gut, unsere Umwelt zu belasten, und wir dann für kommende Generationen nicht davon profitieren können? Warum ist es gut, in einem Zeitraum von 30 Jahren die knappen Ressourcen dieser Welt zu verschwenden, die seit 5 Milliarden Jahren existieren und den zukünftigen Generationen entzogen sind? Was gibt uns das Recht, dies zu tun?

Stellen Sie diese Fragen! Suchen Sie die Unternehmen, die in der Lage sind, Ihnen die Antworten zu geben, nach denen Sie suchen. Das Einzige, was wir brauchen, um das brennendste Problem der Menschheit zu lösen – Armut, Einkommensungleichheit und das brennende Problem des Klimawandels als eines der wichtigsten Treiber dafür –, ist die menschliche Willenskraft, die übrigens eine erneuerbare Ressource ist!

Einige in dieser Welt denken, Gier sei gut. Aber immer wieder wurde bewiesen, dass Großzügigkeit besser ist. Das gilt auch für Ihre Investitionen. Sie können entscheiden, wie schnell Unternehmen von der Corporate Social Responsibility zur Responsible Social Corporation übergehen!

Erfahren Sie mehr in unserem Nachhaltigkeitsmagazin NACHHALTIG INVESTIEREN – Ausgabe 26 zum Thema Green Bonds.

Fotos: PRI