Verantwortung als Investor

Der aus dem Englischen stammende Begriff Engagement steht als Sammelbegriff für Unternehmensdialoge und Stimmrechtsausübung. Er wird aber oft auch nur als Synonym für den Dialog mit Unternehmen verwendet. Unternehmensdialoge und Stimmrechtsausübung haben das Ziel, alle Möglichkeiten und Rechte, die der Aktionär gegenüber dem investierten Unternehmen hat, zu nutzen. Man spricht auch von Active Ownership oder übersetzt von aktivem Aktionärstum.

Engagement ist auf verschiedenen Ebenen möglich, als Einzelengagement in Form von One-on-One-Gesprächen, als thematisches oder branchenbezogenes Engagement bei Schwerpunktthemen und als gemeinschaftliches Engagement über Plattformen. Jedenfalls bezeichnet Engagement den aktiven Dialog des Anlegers mit dem Unternehmen. Dieser kann über informelle Gespräche, die oft als Soft Engagement bezeichnet werden, über standardisierte Dialoge oder unter Ausnutzung formeller Kanäle in Form von Stimmrechtsausübung (Voting) bei Hauptversammlungen erfolgen. Welche Form des Engagements letztendlich die bessere Erfolgschance hat, hängt von der spezifischen Situation ab. Wenn die Variante des Soft Engagements und des bloßen Dialogs keine Früchte trägt, besteht noch die Möglichkeit durch Stimmrechtsausübung und Redebeiträge bei der Hauptversammlung publizitätswirksam auf das Unternehmen einzuwirken. Der Begriff Aktivismus steht für eine auf Öffentlichkeitswirksamkeit ausgerichtete Art des Engagements und wird unter anderem gerne von NGOs angewendet.

 

Engagement kann unterschiedlichen Zwecken dienen. Die traditionellen Fondsmanagerinnen und Fondsmanager der Raiffeisen KAG bedienen sich dieses Mittels gerne zur genaueren Einschätzung der finanziellen Situation und der Entwicklung der Unternehmen. Man könnte sagen, sie erhalten auf diese Weise einen Blick hinter die Kulissen. Aus nachhaltiger Perspektive dient Engagement zusätzlich der Überzeugungsarbeit bei Unternehmen im Sinne einer verbesserten Corporate Social Responsibility (CSR), also der unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung oder verbesserten Nachhaltigkeit im jeweiligen Unternehmen selbst. Diese Verbesserung soll dem Unternehmen und damit letztendlich auch den Eigentümern nachhaltige Vorteile bringen, welche sich langfristig auch in einem verbesserten operativen Ergebnis widerspiegeln sollten.

 

Die Möglichkeiten der Beeinflussung von Unternehmen durch nachhaltig orientierte Investoren steigen mit dem Umfang derjenigen Mittel, die von verantwortungsvollen und nachhaltigen Investoren gehalten werden. Ein solcher Einfluss kann von erhöhter Transparenz über eine verstärkte Integration von Nachhaltigkeitsthemen bis hin zu einer Änderung der Unternehmensstrategie führen. Akademische Studien gehen davon aus, dass ab einem Anteil von 25 bis 33 %, wenn also etwa ein Viertel bis zu einem Drittel der Aktien des jeweiligen Unternehmens in den Händen nachhaltig investierender Investoren liegen, das Potenzial für eine starke Einflussnahme in Richtung verstärkter nachhaltiger Ausrichtung des Unternehmens gegeben ist – unabhängig von der Unternehmensgröße. Zusätzlich dazu können bereits Anregungen von kleinen Investoren dazu führen, dass ein Unternehmen eine weitere Kennzahl, wie beispielsweise den CO2-Ausstoß oder den Energieverbrauch, veröffentlicht und so mehr Transparenz schafft.

 

Eine der jüngsten Entwicklungen zum Thema Einfluss einer großen Investorengruppe lässt sich derzeit in der Schweiz beobachten. Eine von Swiss Sustainable Finance koordinierte Initiative soll dazu führen, dass Unternehmen im Bereich kontroverser Waffen aus bekannten Indizes von großen Anbietern wie MSCI, S&P und STOXX ausgeschlossen werden. Die Initiative hat in letzter Zeit enorm an Dynamik gewonnen, mittlerweile stehen mehr als 140 Asset-Manager, Vermögensverwalter und Vermögensdienstleister mit einem Volumen von 6,8 Billionen US-Dollar dahinter. Zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Artikels gab es noch keine offiziellen Statements der Indexanbieter, das enorme Volumen lässt jedoch auf eine Umsetzung der Forderungen hoffen.

 

Unternehmensdialoge und Stimmrechtsausübung sind für die Raiffeisen KAG ein wesentlicher Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie. Im Bereich der Unternehmensdialoge wird dabei zwischen proaktivem Engagement und reagierendem Engagement unterschieden. Der proaktive, konstruktive Dialog mit Unternehmen dient dazu, mögliche Risiken, vor allem bezogen auf die Dimensionen Umwelt, Gesellschaft und Corporate Governance (Environment, Social, Governance, kurz ESG) zu identifizieren. Durch das gezielte Ansprechen aktueller Entwicklungen – über die Schiene des reagierenden Dialogs – wird eine möglichst aktuelle Einschätzung des Unternehmens samt seinem Umfeld und potenzieller ESG-Risiken sichergestellt.

 

UNTERNEHMENSDIALOGE

Ausgangspunkt für Engagements auf Basis von Unternehmensdialogen sind bei der Raiffeisen KAG oft aktuelle Themen oder branchenübergreifende Kontroversen. Bei unseren Unternehmensdialogen gehen wir entweder alleine vor oder kooperieren mit anderen, gleichgesinnten Investoren (Collaborative Engagement). Dabei spielt das PRI-Clearinghouse der Vereinten Nationen eine wesentliche Rolle. Als Unterzeichner der Principles of Responsible Investment (PRI) nützen wir dieses Angebot der koordinierten Vorgehensweise.

Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen drei Formen des Engagements via Unternehmensdialog:
a) Direkter Unternehmensdialog im Einzelgespräch oder im Rahmen von Group-Meetings – hier steht das Unternehmen und seine spezifische Nachhaltigkeitsleistung im Mittelpunkt.
b) Direkter Unternehmensdialog im Rahmen von Themen- oder Branchenresearch – hier stehen das Thema oder branchenspezifische Nachhaltigkeitsfaktoren im Fokus.
c) Direkter und indirekter Unternehmensdialog im Rahmen eines gemeinschaftlichen Engagement-Prozesses – dabei arbeiten wir mit anderen nachhaltigkeitsorientierten Investoren zusammen und adressieren einen Themenschwerpunkt auf breiter Basis. Die Themen werden in der Regel von PRI und deren Initiativen für Collaborative Engagement vorgegeben. Ein Unternehmen kann dabei entweder als Lead Investor oder als Supporting Investor agieren. Lead Investors bereiten den Unternehmensdialog im Detail auf und organisieren Kontakte zum Unternehmen, Supporting Investors sind in die Dialoge miteingebunden und unterstützen den Prozess zum Teil auch inhaltlich.

 

Grafik: Die im Jahr 2018 von der Raiffeisen KAG durchgeführten Unternehmensdialoge

Im Rahmen eines Unternehmensdialogs können auch gleichzeitig Themen aus mehreren Bereichen angesprochen werden.

Einige Beispiele verdeutlichen unser Vorgehen:

NOVARTIS
Themenresearch Korruption

Der Pharmakonzern Novartis sah sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit Vorwürfen in Richtung von unzulässigen Geschäftsmethoden konfrontiert. Novartis hat auf die Anschuldigungen reagiert und unter anderem 2016 eine Anti-Bestechungs-Richtline für den internen Gebrauch und 2017 eine derartige Richtlinie für externe Stakeholder erlassen. Im Jahr 2018 wurde das neue Values & Behaviors-Regime eingeführt, das sich von der regelbasierten Entscheidung entfernt und in Richtung eines prinzipienbasierten Ansatzes geht. Um das Thema Korruptionsbekämpfung an möglichst prominenter Stelle in der Hierarchie des Unternehmens zu platzieren, hat Novartis einen Chief Ethics & Compliance Officer etabliert. Zusätzlich wurden Trainingsprogramme für alle Mitarbeiter ins Leben gerufen, wobei die Höhe der Abschlussquote zwischen 97 und 98 % liegt.

Fazit: Wir erkennen die Bemühungen seitens Novartis, schließen das Unternehmen jedoch nach wie vor aus.

 

WATERS
Themenresearch Wasser

Zum Themenbereich Wasser und Wasseraufbereitung haben wir eine detaillierte Diskussion mit dem US-Konzern Waters geführt. Hintergrund des Engagements waren die im Bereich Wasserversorgung und Wasseraufbereitung immer stärker werdenden Bedrohungen durch eine sich verschärfende Wasserknappheit. Aus diesem Blickwinkel ist die wachsende Bedeutung des Themas Wasseraufbereitung und Qualitätssicherung für Wasser verständlich.

Das Business-Model von Waters fokussiert auf die Produktion von Messinstrumenten für die Beurteilung der Wasserqualität, daneben gibt es auch die Geschäftsfelder Lebensmittelprüfung und Wassertests. Was Qualitätsmanagementsysteme betrifft, so sind alle Standorte von Waters nach den einschlägigen Branchenstandards ISO 9001 und ISO 13485 zertifiziert.

Das Thema Wasserknappheit betrifft Waters nur geringfügig. Konkret wird an zwei Standorten des Unternehmens Wasser im Produktionsbereich verwendet, in diesen Fällen wird das Prozesswasser aufbereitet und danach wieder in die kommunalen Wasserversorgungssysteme eingespeist.

Fazit: Waters bleibt Teil des nachhaltigen Investmentuniversums der Raiffeisen KAG.

 

SAP
Themenresearch Bildung

Zum Thema Bildung haben wir mit SAP ein Unternehmen befragt, das aus einer Branche mit sehr hohen Ansprüchen an die Qualifikationen der Mitarbeitenden kommt. Die Anforderungen an die kognitiven Fähigkeiten der handelnden Personen, basierend auf Intelligenz, Bildung, Weiterbildung, Erfahrung und Know-how sind in diesem Sektor besonders ausgeprägt. Dies bestätigt sich durch die Angabe von SAP, dass die Mehrheit der verfügbaren Stellen einen Universitätsabschluss voraussetzt. Um den Bedarf an solch hochqualifiziertem Personal decken zu können, arbeitet SAP mit mehr als 3.000 Universitäten zusammen. Dabei werden Veranstaltungen, Vorlesungen von Führungskräften, Bürobesuche, Wettbewerbe und Webinare organisiert und die neuesten SAP-Technologien in den aktiven Unterricht integriert. Von den Studierenden, die im Jahr 2017 an diesem Programm teilgenommen haben, traten 85 % nach dem Studium eine Stelle bei SAP an. Um sicherzustellen, dass alle Mitarbeitenden die erforderlichen Fähigkeiten beibehalten, bietet SAP eine Reihe von Schulungsprogrammen an. Diese gehen von Online-Schulungen über Mentoring bis hin zu Präsenzschulungen.

Fazit: SAP bleibt Teil des nachhaltigen Investmentuniversums der Raiffeisen KAG.

 

STIMMRECHTSAUSÜBUNG

Grafik: Die im Jahr 2018 von der Raiffeisen KAG ausgeübten Stimmrechte

Die Raiffeisen KAG sieht es als wichtige Aufgabe eines Asset-Managers, das Aktionärsstimmrecht direkt oder über Stimmrechtsvertreter auszuüben. Die hauseigenen Grundsätze zur Ausübung des Stimmrechts beruhen auf einer transparenten und nachhaltigen Corporate-Governance-Politik und sollen bedeutende und regelmäßig auf Hauptversammlungen behandelte Themen abdecken.

 

Einige Beispiele verdeutlichen unsere Vorgehensweise:

WALT DISNEY COMPANY
Hauptversammlung am 08.03.2018

Bei der Wahl des Boards of Directors stimmten wir gegen die Wiederwahl eines Direktors, der aus unserer Sicht als overboarded gilt, also in zu vielen anderen Boards tätig ist. Wir stimmten auch gegen das Kompensationspaket, da aus unserer Sicht Leistung und Bezahlung nicht in Einklang stehen und dies nicht dem besten Interesse der Aktionäre entspricht. Außerdem wurde von uns ein Aktionärsantrag unterstützt, der auf höhere Transparenz für Ausgaben im Bereich Lobbying abzielt.

 

AT&T INC.
Hauptversammlung am 27.04.2018

Bei der Wahl des Boards of Directors sowie der Wiederbestellung des Abschlussprüfers und der Abstimmung über das Kompensationspaket stimmten wir für die Vorschläge des Managements. Allerdings unterstützten wir auch mehrere Aktionärsanträge gegen die Empfehlung des Managements. Einerseits befürworteten wir einen Antrag auf Erstellung eines eigenen Lobbying Reports, um höhere Transparenz in diesem Bereich sicherzustellen. Andererseits stimmten wir für einen Antrag auf Bestellung eines unabhängigen Chairman.

Aus unserer Sicht ist ein unabhängiger Chairman, also eine Art Aufsichtsratsvorsitzender, besser geeignet, die operativen Führungskräfte zu beaufsichtigen und einen aktionärsfreundlichen Kurs für das Unternehmen vorzugeben.

Wir stimmten außerdem für einen Aktionärsantrag zur Stärkung der Aktionärsrechte.

 

GOOGLE INC.
Hauptversammlung am 06.06.2018

Bei der Wahl des Boards of Directors stimmten wir gegen die Bestellung einer Direktorin, die aus unserer Sicht als overboarded gilt, also in zu vielen anderen Boards tätig ist. Außerdem stimmten wir gegen die Bestellung eines Direktors, welcher Teil des Kompensationskomitees ist, gleichzeitig aber aufgrund früherer Investments ein Näheverhältnis zum Management hat.

Des Weiteren unterstützten wir einige Aktionärsanträge gegen die Empfehlung des Managements, wie beispielsweise den Antrag auf Erstellung eines Gender Pay Gap Risk Reports sowie den Antrag, die Entlohnung des Topmanagements auch von Nachhaltigkeitskennzahlen abhängig zu machen.

 

ACCENTURE
Hauptversammlung am 07.02.2018

Wir stimmten für alle vorgeschlagenen Tagesordnungspunkte.